In Erinnerung an unseren geliebten Chef

Danksagung der Familie Berner – Messingschlager

Ansprache zur Beisetzung von Konrad Messingschlager

Er lässt den Blick schweifen. Zunächst über den Gastraum. Die Tische sind leer. Alles ist bereits fein säuberlich aufgeräumt. Er hört noch, wie hinten gespült wird. Die letzten Handgriffe erfolgen wie immer routiniert von den Seinen. Er schaut auf den Kamin. Sein Lieblingsplatz.

Das Gastzimmer hier und viele weitere im großen Haus sind für alle da. Für seine Familie sind sie wie ein erweitertes Wohnzimmer. So wollte er es.

Dann wischt er noch einmal über den Tresen. Er schaut, ob die Zapfhähne in Ordnung sind. Er geht hinaus. Auf die Terrasse. Das letzte große Projekt seiner Familie. Auch dort ist alles in Ordnung.

Er grüßt die letzten Golfer, die sich auf den Weg machen. Bis sich schließlich auch der Parkplatz leert. Er ist stolz. Was hier alles passiert ist! Wer hätte gedacht, dass aus einem Hof im kleinen Ort Kanndorf einmal eine Golfpension mit einem Golfplatz entsteht?

Sie haben mich sicherlich für verrückt gehalten. Das weiß ich, denkt er. Er, Konrad Messingschlager. Der sich immer etwas einfallen lässt. Der Rodl, wie sie sagen.

Doch wenn man sieht, wie stolz er auf all das Geschaffene ist, müsste man ihm in dem Moment noch zurufen: „Aber nicht allein, lieber Konrad.“ Er würde uns zustimmen: „Ihr habt ja recht. Lobt mich nur nicht zu sehr.“

Denn ohne die, die du das „gewisse Etwas“ genannt hast, deine Frau Erika, wäre das alles vielleicht nicht himmelhoch jauchzend, sondern zu Tode betrübt geworden.

Weil sie den Träumen auch mal Realitäten entgegenhielt. Wo man sich auch mal stritt. Aber sich jeden Abend wie ein frisch verheiratetes Ehepaar die Hand zur Versöhnung reicht. Wo man merkt, dass die nächste Generation schon ihre Spuren hinterlassen hat.

Wie seine Tochter Karin ein echtes Wirtshauskind. Sie widmet sich mit voller Kraft dem Familienbetrieb Messingschlager, in den auch ihr Mann Uwe hineinfindet. Er findet seinen Platz. Sogar die Enkel machen dort weiter: In der Küche hat Chefkoch Jannik das Sagen und Leonie hält den Betrieb am Laufen. Konrad sieht, was da noch alles entstehen wird, und freut sich sehr.

Aber genau in diesem Moment sieht Konrad, dass da noch ein Gast sitzt. Wer ihn kennt, weiß, dass ein Konrad Messingschlager einen Gast nicht rausschmeißt. Er fragt den Gast, ob er noch etwas möchte. Wohl wissend, dass die Küche schon geschlossen hat.

Aber der Gast ist König – und der geht vor! Manchmal auch zum Leidwesen der anderen. Aber er kann eben auch stur sein. Doch der Gast fragt ihn: „Lieber Herr Messingschlager, wie schön es hier ist! Was hier alles geworden ist!“

Da beginnt Konrad zu erzählen, und wir hören ihm zu. Aus seinem Leben, so wie ich es von seiner Frau Erika, seiner Tochter Karin und seiner Enkelin Leonie erzählt bekommen habe. Ihr alle aber könnt dazulegen, welche Erfahrungen und Erlebnisse ihr mit ihm hattet. Es werden viele sein, da bin ich mir sicher.

Wer hätte das dem Landwirtssohn aus Wohlmannsgesees mit Wölmer Wurzeln zugetraut, der am 4. Juni 1940 geboren wurde? Er ist der Jüngste von vier Geschwistern, neben der großen Schwester Tina, Hans und Ludwig. Er hat eine enge Beziehung zu seiner Mutter Gustl, die nach dem Krieg wie so viele Witwe ist und ihre Kinder versorgen muss. Sie versucht, was sie kann.

Konrad soll Landwirt werden, so wie Hans. Denn es gibt da ein Anwesen. Den Bauernhof der Familie Müller, Gustls Familie. Den hatte ihr Bruder, der im Krieg starb. Seine Tante ist allein. Konrad soll den Hof übernehmen, Hans das Anwesen in Wohlmannsgesees. Tina macht sich gen Norden auf und Ludwig schmiedet Pläne.

Konrad besucht die Landwirtschaftsschule. Das liegt ihm. Auch das Geschäfte machen. Er vertreibt Futtermittel. Gut reden kann er. Das merkt man. Anpacken auch. Er übernimmt den Hof.

„Dann ging es wohl erst richtig los“, fragt der Gast.

Konrad muss überlegen, denn es war nicht so einfach. Die Tante versuchte, den Hof aufrechtzuerhalten und hatte das Sagen. Dann kam Konrad. Das war auch für sie nicht einfach. Doch er ließ sich nicht abbringen. Er wollte mehr. Es musste Neues angeschafft werden. Legebatterien. Es sollte ein großer landwirtschaftlicher Betrieb, ein Musterbetrieb werden. Er ist stolz darauf.

„Immer was Neues“, sagte der Gast. Konrad nickt. Doch auch hier hält er inne und hört seine Frau im Hintergrund. Aber nicht allein.

Denn er lernt sie kennen. Seine Frau Erika, aus Eberhardsstein zwischen Landwirtschaft und Mühle aufgewachsen. Sie kann arbeiten, sagt er, sie ist die Richtige.

So gehen sie miteinander. Sie haben sich beim Tanzen kennengelernt. Er ging voran, war wohl der Erste, der sie aufrief. Das behaupten wir jetzt einfach mal, Frau Messingschlager.

Doch auch hier – im wahrsten Sinne des Wortes – war es neu. Sie war katholisch. Er war Protestant. Das war damals nicht gern gesehen. Doch die Liebe setzte sich durch. Er stellte ihr ein Ultimatum, wie er es eben so war. Im Jahr 1964 sagte er: „Wenn wir bis Weihnachten nicht heiraten, dann mache ich Schluss.“ Also wurde am 12.12.1965 in Erlangen die ökumenische Trauung vollzogen.

Dann ist sie da. Erika. Sie organisiert den Großbetrieb, während er unterwegs ist. Er ist der sogenannte Mondscheinlandwirt und sie ist vor Ort mit der Tante. Erika schafft hier Frieden und Ausgleich.

Der Gast hört weiter zu. „Da will ich Neues schaffen“, erwidert er, „das klingt fast wie ihr Motto.“

Konrad Messingschlager stimmt zu. Es ging immer weiter. Er hatte eine Idee und dann musste er sie umsetzen. So macht er von sich reden. Das kommt sicherlich nicht immer gut an. Da gab es auch Kritik. Missgunst. Auch nicht alle Ideen waren umsetzbar.

Doch sie nehmen erste Gäste auf. Sie beherbergen Menschen, wie so viele in der Fränkischen Schweiz. Er kennt jeden. Er kann zuhören und mitreden. Und das nicht nur beim Schafkopf. Das ist sein Ausgleich, genauso wie das Pilze sammeln im Wald. Das gehört für ihn einfach dazu und wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Doch irgendwann bringt sein Bruder Ludwig ihn auf die Idee, einen Golfplatz anzulegen. Er überlegt nicht lange. Er macht es. Er beginnt, Flächen aufzukaufen. Er sät das, was vorher Ackerflächen waren, an.

„Wie das wohl für seine Frau war? Frau Messingschlager, das müssten Sie heute sagen. Wahrscheinlich war es erstmal ein Schock, was er da wieder vorhatte.“

Doch er setzt sich durch. Er hat das letzte Wort und sie trägt es mit.

Gerade weil sie nicht mehr nur zu zweit sind. Ihre Tochter Karin kommt auf die Welt. Er freut sich sichtlich und möchte seiner Familie etwas bieten. Dafür geht er erst einmal ein hohes Risiko ein. Er lädt Menschen jeden Standes ein, Golf zu lernen. Denn er selbst, ein Konrad Messingschlager, muss es auch noch lernen.

„Auch das“, bestätigt der Gast ihn.

Menschen kommen aus Nah und Fern. Andere als bisher. Er kann sie gut beherbergen, indem er Clubhäuser, Anbauten, Gasträume und vieles mehr baut. Auch hier wieder: alles neu und weiter. Ein bisschen Visionär sein, das war sein Ding. Ideen ausbrüten, auch wenn er scheinbar schläft.

Alles neu machen. Nie beim Alten stehen bleiben. Da geht noch etwas. Das könnte gut passen. Doch man muss auch mit Misserfolgen rechnen. Knappe Finanzierungen. Rückschläge.

Dann wird die Familie größer: Schwiegersohn Uwe findet sich in das große Wirtshaus- und Golfclub-Geschehen ein. So manches Projekt wird auf die ganz eigene Weise in Angriff genommen. Ein großes Glück.

Seine Karin übernimmt, was ihm so wichtig ist, und er freut sich darüber. Auch wenn er es nicht immer sagte: Sie ist sein Segen, sein großes Glück. Sie war es und wird es immer bleiben.

„Dann gibt es noch mehr Neues. Enkelkinder haben Sie doch auch“, meint der Gast.

Stolz erzählt er von Jannik, der seine Ausbildung gemacht, in der Küche das Sagen hat und mit seinem Opa die Leidenschaft für den Garten teilt. Leonie, seine Jüngste, bringt er zu Bett und sie schläft so gerne bei ihm ein. Später gehen sie miteinander einkaufen, sammeln Pilze und haben eine enge Bindung. Gerade, wo sie nun selbst etwas Eigenes schaffen will, kann er nicht stolzer sein.

Doch plötzlich wird das Erzählen leiser. Konrad Messingschlager stockt.

Er merkt das Alter. Diagnosen werden gestellt. Sie sagen: „Krebs.“ Ein Schock. Er kämpft. Er empfängt Gäste wie Familienmitglieder und enge Freunde. Sie beraten ihn. Er tauscht sich aus. Er hat sicherlich auch Angst. Was wird werden?

Dann fragt ihn der Gast: „Lieber Herr Messingschlager, ich habe dort einen Garten gesehen. Ist das Ihr Garten?“

Da beginnt er zu strahlen. „Das ist mein Rückzugsort. Möchten Sie ihn sehen?“ Er führt den Gast dorthin, wo nicht viele Zutritt haben.

Dort sehen Sie all das Gemüse, das er bis zuletzt hat wachsen sehen. Ein bunter Strauß an Pflanzen. Der Gast bewundert es mit ihm und sagt: „Siehe, ich will Neues schaffen.“ Das haben sie immer getan, lieber Konrad Messingschlager. Aber jetzt wächst es auf. Erkennst du es denn nicht?

Er fährt fort: „Das habe ich meinen Lieben vor vielen Jahren, nach so mancher Anstrengung, Rückkehr und Neubeginn, zugesagt. Jetzt auch dir. Vielleicht geschieht genau das, was wirklich neu für dich wird, lieber Konrad. Genau jetzt.

„Wie eine Pflanze, die wächst, so ist vieles von dem, was du erzählt hast, geworden. Manches ist aber auch nicht gewachsen. Doch du hast es nicht aufgegeben. Es heißt: Ich gebe so auch niemanden auf, der zu mir gehört.

Es wächst schon die ganze Zeit. Weil ich es war, der wie du jeden Tag Neues schafft. Am Anfang der Welt habe ich gesagt: Siehe, es ist sehr gut, und dazu stehe ich. Am Ende habe ich gesagt: ‚Siehe, ich mache alles neu‘, weil auch das, was ich geschaffen habe, nie stehen bleibt. Da sind wir uns so ähnlich.

Es erwartet dich Neues, lieber Konrad Messingschlager, wie das, was du geschaffen hast. Jetzt gerade, hier, mit uns.“

Langsam versteht er, mit wem er gesprochen hat. Kein Gast, sondern ein Gastgeber, der selbst Neues schafft und nie aufhört, weil es einen Ewigkeitswert hat.

Er sieht auf einmal, wie alles noch mehr wächst, gedeiht und blüht. Er sieht seinen alten Hof, die Pension, den Platz und den Wirtsraum. All das ist sehr gut geworden, jetzt kommt Neues. Wir wagen es. Es beginnt schon. Es wächst und gedeiht.

Am 4. Juni, dem Tag seiner Geburt, haben wir begonnen – nun, am Tag der Ewigkeit, gehen wir hin zum Neuen, umfangen von ihm, seinem Gott.

Denn:

Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?
(Jesaja 43,19)

Pfarrer David Kieslich